Zitat:
Vor hundert Jahren hätte man uns vermutlich alle als Neurastheniker eingestuft, als nervenmüde Zeitgenossen, gefangen in einem wahnhaften Aktionismus, der uns ständig vorwärtspeitscht – und uns doch nie bei uns selbst ankommen lässt. Statt in unserer jeweiligen Handlung aufzugehen und im besten Falle den Flow, den Rausch des konzentrierten Schaffens erleben zu können, fühlen wir uns fahrig, fremdgesteuert und irgendwie nur halb anwesend. Was dabei auf der Strecke bleibt, sind nicht nur die Ruhe zum Denken und zum konzentrierten Arbeiten, sondern auch die Wertschätzung unseres Lebens.
»Wir beobachten, dass im Online-Zeitalter viele Menschen die Fähigkeit verlernt haben, geistig und seelisch offline zu gehen, also abzuschalten«, sagt Götz Mundle, Ärztlicher Geschäftsführer der Oberbergkliniken, in denen Erkrankungen wie Sucht, Burn-out und Depressionen behandelt werden. Die meisten seiner Patienten bemerkten gar nicht, wie stressig das ständige Kommunizieren sei. »Wir wissen, dass wir bei einem Bürojob körperlichen Ausgleich benötigen, daher gehen viele ins Fitnessstudio. Den wenigsten ist aber bewusst, dass auch die Informationsflut geistig verarbeitet werden muss«, sagt Mundle. Das Problem seiner Patienten sei es nicht, Höchstleistungen zu erbringen. »Im Gegenteil, das Problem ist, abzuschalten und nichts zu tun.«