Zitat:
Und stellen Sie sich nun vor, die Gesellschaft steckt Sie in eine Schublade, auf der steht: Autist, behindert!
Rainer Kruse steckt in dieser Schublade. Er ist 44 und lebt in Celle in einer Wohngruppe für autistische Menschen. Jeden Tag arbeitet er einige Stunden in einer Werkstatt und trennt Papier von CD-Hüllen. Die Wochenenden verbringt er bei seiner Mutter Bärbel Kruse in Wolfsburg.
Sie will die Schublade öffnen, will ihren Sohn und all die anderen Autisten rausholen aus der Welt, in die sie so oft gedrängt werden und in die sie sich selbst so oft zurückziehen. Vor mehr als zehn Jahren gründete Bärbel Kruse mit anderen betroffenen Eltern den Verein Autismus Wolfsburg und wurde Vorsitzende. Mittlerweile gibt es in der Stadt ein Zentrum für Therapien und Beratungen.
[...]
1964 wurde ihr Sohn geboren. Er aß nichts, trank nichts. Er hatte epileptische Anfälle. Er schrie, wenn ihn jemand auf den Arm nahm. "Wir sind von Krankenhaus zu Krankhaus gezogen. Keiner konnte uns helfen", erzählt Bärbel Kruse. Mit sechs schmiss der Junge Stühle durchs Zimmer, rannte durch Glastüren. Er saß stundenlang am Papierkorb und zerriss Papier. Erst als er zwölf war, kam endlich die Diagnose: Autismus. Bärbel Kruse holte sich stapelweise Bücher und nahm Kontakt zum damals einzigen Autismus-Verein auf. "Ich fing endlich an zu begreifen, was in Rainer vorgeht und warum er sich so verhält und nicht anders."
Dieses Wissen gibt sie nun seit langem an andere Eltern weiter. Sie macht ihnen Mut, hilft bei Therapie-Anträgen, organisiert Vorträge oder Wochenenden für die Geschwister von Autisten. Sie geht mit autistischen Jugendlichen ins Kunstmuseum, weil sie dort malen dürfen. "Das ist Integration. Wir müssen sie in unser Leben mit hineinnehmen", sagt sie energisch.
Doch Bärbel Kruse will noch mehr. Sie will, dass möglichst viele stumme Autisten eine Stimme bekommen – und zwar mit Hilfe einer Methode, die sich gestützte Kommunikation nennt. Bei den Kruses funktioniert das so: Bärbel Kruse hält den Unterarm ihres Sohnes, und er berührt mit dem Zeigefinger Buchstaben auf einem A4-Blatt und formuliert so ganze Sätze. Die Buchstaben sind angeordnet wie bei einer Computertastatur.
Diese Methode ist umstritten. Kritiker sagen, der stützende Helfer nimmt Einfluss auf das Geschriebene. Doch Bärbel Kruse versichert: "Es sind Rainers Gedanken. Er schreibt oft über Dinge, von denen ich gar keine Ahnung habe."
Und das schreibt Rainer Kruse über sich selbst – vier Sätze eines Autisten an die Gesellschaft:
"ich bin gefangener meines koerpers/
ich hoere so gerne bach weil er die musik zum herzen bringt/
ich kann lesen nur nicht buecher umblaettern/
ich bin jeden samstag im dom von braunschweig und hoere orgelmusik"
Zitat:
Autistische Menschen leiden an einer angeborenen, unheilbaren Wahrnehmungs- und Informationsverarbeitungsstörung des Gehirns, die Beeinträchtigungen in der Entwicklung, des Sozialverhaltens und in der Kommunikation zur Folge haben. Der Wolfsburger Verein betreut mit zehn hauptamtlichen Mitarbeitern rund 100 Betroffene im Alter zwischen drei und 40 Jahren sowie deren Angehörige. Sein Einzugsbereich umfasst auch Braunschweig, Gifhorn, Wolfenbüttel sowie Nachbarkreise in Sachsen-Anhalt.
Die Mitglieder des Betriebsrates und Sozialausschusses von Volkswagen, Eckhard Krebs und Bärbel Behrens-Oelmann, sowie Leopold Paeth und Axel Glörfeld vom Volkswagen Personalwesen überreichten die Belegschaftsspende am Dienstag. Sie betonten, die Erziehung eines autistischen Kindes stelle Familien vor besondere Herausforderungen. Daher unterstütze die Volkswagen Belegschaft die intensive Angehörigenarbeit von Autismus Wolfsburg. Für den Wolfsburger Verein nahmen die Spende der Aufsichtsratsvorsitzende, Rainer Schabon, sowie die Leiterin des Therapie- und Beratungszentrums, Diplom-Sozialpädagogin Steffi Hamann, entgegen.
Belegschaftsspende 2009
Die Mitarbeiter des Wolfsburger Volkswagen Werks haben im vergangenen Jahr rund 335.000 Euro als Belegschaftsspende gesammelt. Sie kommt Einrichtungen und Organisationen in Wolfsburg sowie in den Landkreisen Börde (Sachsen-Anhalt), Gifhorn, Helmstedt, Peine und Uelzen zu Gute. Damit können sie langfristige Projekte sowie dringend benötigtes Verbrauchs- und Büromaterial finanzieren.